Felipe Isidro, Professor für Körpertraining: Langlebigkeit hängt nicht von der Muskelmasse ab, sondern davon, wie schnell du sie aktivierst – deshalb musst du dein Nervensystem trainieren

Altern, Sport und neuromuskuläre Kompetenz, ein neuer Blick
Altern, Sport und neuromuskuläre Kompetenz, ein neuer Blick

Wie wir Altern und körperliche Fitness sehen, wird gerade hinterfragt. Felipe Isidro, Professor für Sportunterricht, hat sich in den sozialen Netzwerken zu einem Thema geäußert, das viele betrifft: Wie beeinflussen Alter und Aktivität unsere physische und neurale Leistungsfähigkeit? Seine Thesen können unsere Sicht aufs Altern gehörig verschieben.

Altbekanntes und neue Sichtweisen zum Altern

Lange galt Altern als unvermeidlicher Prozess: weniger Kraft, weniger Vitalität, zunehmende Gebrechlichkeit. Isidro macht jedoch klar, dass neuere Forschungen der Trainingsphysiologie dieses Bild relativieren. Viele Studien zeigen, dass ein großer Teil des Leistungsabbaus nicht direkt am Alter selbst liegt, sondern an Inaktivität und mangelndem Training.

„Das Problem ist nicht das Alter“, sagt Isidro, und betont damit, dass wir viel von unserer körperlichen Verfassung selbst steuern können.

Wichtig dafür ist die Fähigkeit des Nervensystems, effizient mit den Muskeln zu kommunizieren. Diese „neuronale Qualität“ (also die Effizienz der Nerven-Muskel-Kommunikation) und die damit verbundene „funktionelle Reserve“ sind zentrale Faktoren für die Mobilität im Alter und dafür, wie schnell wir auf Anforderungen reagieren können.

Worauf es beim richtigen Training ankommt

Isidro rückt weg von rein ästhetischen Trainingszielen und stellt Funktion in den Vordergrund. Er beschreibt Altern als „progressiven Verlust biologischer Kompetenz“ und sagt, dass wir die Geschwindigkeit dieses Prozesses durch intelligentes Training beeinflussen können.

Seinen Untersuchungen zufolge beginnt der physische und neuromuskuläre Abbau früh: Zuerst verlangsamt sich die Rekrutierungsgeschwindigkeit motorischer Einheiten (motorische Einheiten = Muskelfasern, die von einer Nervenzelle gesteuert werden). Später wird die intermuskuläre Koordination unorganisierter, und schließlich schrumpft die funktionelle Reserve. Dann fällt es immer schwerer, schnell und präzise zu reagieren, wenn es nötig ist.

Trotzdem gibt es Hoffnung. „Bewegung/Training ist ein Vertrag mit deiner Zukunft“, so Isidro. Er weist darauf hin, dass bloßes Schwitzen oder Kalorienverbrennen nicht ausreicht, um die neuromuskuläre Kompetenz zu erhalten.

Wie du neuromuskulär trainierst

Isidro empfiehlt konkrete Trainingsstrategien, um die neuromuskuläre Kompetenz zu bewahren. Dazu gehört die Auswahl von zwei bis drei grundsätzlichen Bewegungsmustern, etwa:

  • Kniebeugen
  • Press (drückende Bewegung, z. B. Schulter- oder Bankdrücken)
  • Rudern

Auch die Gewichtswahl ist wichtig: Wähle eine Last, mit der du theoretisch 10,12 Wiederholungen schaffen könntest, führe aber tatsächlich nur 5,6 Wiederholungen aus. „Jede Wiederholung sollte mit maximaler Geschwindigkeitsintention in der konzentrischen Phase ausgeführt werden“, betont Isidro.

Er empfiehlt großzügige Pausen von 2,3 Minuten, damit nicht Ermüdung, sondern neuronale Anpassung gefördert wird. Ziel ist es, „das Nervensystem stimulierend“ zu trainieren, also Reize zu setzen, die die Nerven-Muskel-Kommunikation erhalten und verbessern.

Für Isidro steht Funktion vor Optik: Training soll die Fähigkeit erhalten, im Alltag effizient zu handeln.

Zum Schluss erinnert er daran, dass langfristiger Schutz der eigenen Autonomie durch konsequentes Training erreicht wird. In einer Welt, in der viele nur zum Schwitzen ins Fitnessstudio gehen, fordert er ein Umdenken: „Da du es tust, mach es gut“, eine Aufforderung, die eigene Trainingsroutine an der Zukunftsfähigkeit auszurichten.